I.

Am 10. Mai 1933 brannten in Deutschland die Scheiterhaufen für Bücher. Das Ereignis ist in der Ikonographie des Nationalsozialismus fest verankert, mindestens die spektakulär inszenierte zentrale Bücherverbrennung auf dem Berliner Opernplatz. Gemeinhin wird dies als Vorschein der kommenden Vernichtung von Menschen und als deutliches Zeichen für die Geistfeindschaft der Nationalsozialisten gedeutet: Die Werke zahlreicher namhafter, aber auch vieler mittlerweile (nicht zuletzt in Folge der Bücherverbrennungen) vergessener Autorinnen und Autoren wurden eben nicht argumentativer Kritik, sondern der symbolstarken Vernichtung durch die Flammen übergeben.
Es klafft aber eine Lücke in diesem Bild der Bücherverbrennung, wenn vergessen wird, wer die Bücher verbrannte – es waren Studierende. Diese Tatsache geht im Begriff der bloßen Geistfeindschaft nicht auf; die Bücherverbrennungen müssen vielmehr auch als ein einschneidendes Ereignis für die Eingliederung der deutschen Universitäten in den Nationalsozialismus begriffen werden.

 

II.

Anfang April 1933 teilte die Deutsche Studentenschaft (DSt) den örtlichen Studentenschaften den Plan und die Anweisungen für eine vierwöchige »Aktion wider den undeutschen Geist« mit, die in einer großen öffentlichen Aktion enden sollte: den Bücherverbrennungen.
Dabei ist die DSt aber nicht mit einer parteieigenen Organisation der NSDAP zu verwechseln, sondern sie war der seit 1919 bestehende Dachverband der Studierenden. Schon seit Mitte der zwanziger Jahre war er völkisch-antisemitisch dominiert, ab 1931 stand er endgültig unter der gewählten Leitung des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes (NSDStB). Dennoch war die DSt nicht einfach mit dem NSDStB identisch; vielmehr läßt sich annehmen, dass die reichsweiten Aktionswochen auch den Status des Dachverbands gegen einen Machtverlust zu Gunsten der Parteiorganisation sichern sollte. Mittlerweile hat sich in der Forschung durchgesetzt, für die Planung der Bücherverbrennungen von der Initiative der Studierenden selbst auszugehen, die zwar staatlich durch den Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda Goebbels und den preußischen Kultusminister Rust protegiert und unterstützt, nicht aber geleitet wurde. Die Planung ging vom neugegründeten Hauptamt für Presse und Propaganda der Deutschen Studierendenschaft unter der Leitung des Studenten Hanskarl Leistritz aus und muss als ein Beitrag zur Selbstgleichschaltung der Studierenden betrachtet werden. Am 12. April begannen die Aktionswochen an den Universitäten mit dem Anschlag des zwölf Thesen umfassenden Plakats »Wider den undeutschen Geist«. Die Thesen waren von der DSt verfasst und auf Anregung von Alfred Baeumler, einem Mitbegründer des Kampfbundes für Deutsche Kultur, in ihrem Ton noch verschärft worden. Sie waren geprägt von einem Begriff von Geist, der unmittelbarer, »unverfälschter und reiner Ausdruck« des »deutschen Volks« sein sollte: »Sprache und Schrifttum wurzeln im Volke.« Der Appell an das angesprochene »Volk« lautete, den ausgemachten »Widerspruch zwischen Schrifttum und deutschem Volkstum« zu überwinden, als dessen Ursache »unser gefährlichster Widersacher [...] der Jude, und der, der ihm hörig ist” feststand. Auf der Ebene der Hochschulpolitik forderten die Thesen vom »deutschen Studenten den Willen und die Fähigkeit zur Überwindung des jüdischen Intellektualismus und der damit verbundenen liberalen Verfallserscheinungen im deutschen Geistesleben« an dessen Stelle die »Sicherheit des Denkens im deutschen Geiste« treten sollte. Der Kern der Thesen ist Antisemitismus und ein dazu komplementärer völkischer Geistesbegriff.
Die Aktionen führten in den nächsten Wochen vor allem auch zu Ausschreitungen, die neue antisemitische Gesetze nicht Verwaltungsakte sein ließen, sondern diese im Alltag der Hochschulen umsetzten: So wurden in der Folge des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April Professorenboykotte organisiert und die Vorlesungen und Seminare jüdischer, linker und liberaler Lehrender gestört und verhindert. In Kiel sprachen Studierende sogar eigenmächtig Professoren die Suspendierung aus. Ähnliches gilt für das Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen vom 25. April, dem Numerus Clausus für jüdische Studierende, dessen Durchsetzung von den nationalsozialistischen Studierenden in die Hand genommen wurde. Das bedeutete Schikanen und Übergriffe auf Kommilitonen, für die zum Beispiel gesonderte Studierendenausweise eingeführt und kontrolliert wurden.
Als Vorspiel der Scheiterhaufen wurde auch zum Errichten von Schandpfählen aufgerufen, an die öffentlich ›undeutsche‹ Bücher genagelt werden sollten, was an einigen Hochschulen wohl auch geschah.
In der Vorbereitung der Bücherverbrennung orientierten sich die Studierenden vor allem am Berliner Volksbibliothekar Wolfgang Hermann, der sogenannte ›Schwarze Listen‹ von Büchern erstellte, die aus den Volks- und Stadtbibliotheken zu entfernen seien. Hermann kooperierte mit dem DSt und übermittelte mehrere Listen, die den studentischen Aktionen zu Grunde liegen sollten, dabei aber ausdrücklich keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhoben. Parallel dazu wurde die Gleichschaltung der Abteilung für Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste betrieben und am 8. Mai abgeschlossen. Der hier besonders aktive nationalsozialistische Kampfbund für deutsche Kultur erstellte ebenfalls ›Schwarze Listen‹ von zu vernichtender Literatur.
Anhand solcher Listen begannen am 6. Mai die von Studierenden und SA-Leuten durchgeführten Sammelaktionen in den öffentlichen Volks- und Stadtbibliotheken wie auch in privaten Leihbibliotheken. Buchhandel und Universitätsbibliotheken waren wohl größtenteils noch nicht betroffen. Es muss aber davon ausgegangen werden, dass nicht nur die auf den unterschiedlichen Listen aufgeführte Literatur, sondern auch eine Vielzahl spontan ausgewählter Bücher den Sammelaktionen zum Opfer fielen. Das liegt auf der Hand, denkt man etwa an die brutale Plünderung der Bibliothek des Berliner Instituts für Sexualforschung, die alleine schon zehntausend Bände umfasste.

 

III.

Von der DSt ging ein Vorschlag für den Ablauf an die örtlichen Studentenschaften: »20.30 - 22 Uhr: Kundgebung der Studentenschaften im Auditorium Maximum der Universität; 22-23 Uhr: Fackelzug durch den Ort, endigend mit dem 23-24 Uhr: stattfindenden Verbrennungsakt«. Diesem allgemeinen Plan folgend, hatten die Studierenden vor Ort noch ausreichend Möglichkeit, die Aktion mit eigenen Ideen auszuschmücken.
In Frankfurt war die zentrale Sammelstelle für die Bücher das Hauptgebäude der Universität und hier sammelten sich in den frühen Abendstunden Studierende, die studentischen Verbände von SA und SS, Burschenschaftler und ein Großteil der Dozenten. Der neue Rektor Ernst Krieck hatte die Einladung aufgegriffen und lud selbst ausdrücklich nocheinmal »die Kollegen ein, zahlreich daran teilzunehmen«: »Abmarsch: von der Universität auf den Römerberg, Mittwoch, 20 Uhr, mit Musik.« Angeführt wurde der Zug von der SS-Kappelle. Die Bücher waren auf einem Mistwagen aufgestapelt. Männern in weißen Kitteln führten die vorgespannten Ochsen, zwischen denen – eine bewusstlose Selbstpersiflage – das Schild hing: »Wider den undeutschen Geist«. Aus dem Wagen ragte eine Mistgabel. Durch das Spalier der von SA-Leuten und Polizei geordneten Menge bewegte sich der Zug auf den Römerberg, wo man mit einem Trauermarsch einzog. Auf dem Platz hatten sich bei Regen etwa 15.000 Schaulustige um den vorbereiteten Scheiterhaufen versammelt, der wegen des Wetters mit Benzin angezündet werden musste. Nachdem sich Studierendenschaft und Dozenten in Reih und Glied aufgestellt hatten, bestieg Universitätspfarrer Otto Fricke den Mistwagen, um die Feuerrede zu halten. Er rief die Bücherverbrennungen der Burschenschaften beim Wartburgfest und Luthers Verbrennung der päpstlichen Bannbulle in Erinnerung, um dann zu fordern: »Heute handele es sich darum, ein Bekenntnis zum deutschen Wesen abzulegen und im Sinne der von Hitler geführten Revolution zu den wahren Quellen unserer Kraft zurückzufinden [...] Wer diese Gesinnung nicht begreife gehöre nicht zum deutschen Volke. [...] Das Feuer dieses Abends sei ein Wahrzeichen des Willens, sich von zersetzenden und undeutschen Schriften für immer zu befreien.« (Bericht der Frankfurter Nachrichten) Nach der ersten Strophe des Liedes Burschen heraus trat Hochschulgruppenführer Georg-Wilhelm Müller hervor, ein Jura-Student mit humanistischer Bildung:

»Wenn die Frankfurter Studentenschaft heute die Bücher marxistischer und jüdischer Schriftsteller den Flammen übergebe, so geschehe dies nicht aus einer negativen Einstellung heraus, um einen Spaß zu haben, sondern dieser Verbrennungsakt solle ein Symbol dafür sein, daß sich die junge Generation positiv zum Staat und zum deutschen Geiste bekenne.« (Bericht der Frankfurter Zeitung)

Dann ging Müller zum Ausrufen der neun Feuersprüche über und die Bücher wurden auf den Scheiterhaufen geworfen: »Gegen Klassenkampf und Materialismus, für Volksgemeinschaft und idealistische Lebenshaltung! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Marx und Kautsky.« usw. Die Bücherverbrennung endete mit dem Horst-Wessel-Lied und »Sieg Heil«-Rufen.
In fast allen deutschen Hochschulstädten fanden Bücherverbrennungen statt. Die zentrale Bücherverbrennung auf dem Opernplatz in Berlin, bei der Goebbels die Feuerrede hielt, wurde im Rundfunk übertragen. In einigen Fällen wurde wegen zu starken Regens auf einen der folgenden Tage ausgewichen. In den folgenden Monaten kam es auch zu zahlreichen nicht-studentischen Bücherverbrennungen, die vor allem vom Nationalsozialistischen Lehrerbund und der HJ geplant und durchgeführt wurden, so zum Beispiel bei den Sonnenwendfeiern am 20. Juni. Die wohl letzte Bücherverbrennung des Jahres 1933 fand am 26. August in Jena statt.

 

IV.

Im Gedenken der Bücherverbrennung wie auch in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung – die meiste Literatur zum Thema erschien zu den runden Jahrestagen 1983 und, in deutlich geringerem Umfang, 2003 – wird die Bücherverbrennung wie zumeist auch das Exil vor allem als ein großer ›Aderlass‹ deutscher Kultur erinnert. Die Klage, dass eine Generation von Deutschen ohne humanistische Bildung und Thomas Mann aufwachsen musste, geht dabei aber allzu oft der Frage aus dem Weg, wie es sein konnte, dass ein Weg von Kultur, ein deutscher Bildungsweg auch die Integration in den Nationalsozialismus sein konnte. Auch die vorschnelle Identifikation mit den Opfern, die Wiedereingemeindung ihrer Werke in den Kanon deutscher Literatur, geht meist über deren persönliches Schicksal hinweg: Viele derer, die ins Exil gehen mussten, litten an Sprachlosigkeit und Verzweiflung, viele begingen Selbstmord. Diejenigen, die in Deutschland blieben, hatten nicht nur unter Publikationsverbot zu leiden, in vielen Fällen wurden sie zu Opfern von Haft und Folter, schließlich Deportation und Ermordung.
Die »Aktion wider den undeutschen Geist« als bloßes Symbol der Geistfeindschaft zu verstehen, greift zu kurz. Nicht nur wird damit die reale Verfolgung und Bedrohung der Autoren und Autorinnen übergangen, sondern auch, dass nicht zuletzt die Vernichtung der Bücher durchaus auch als Aufklärungsaktion begriffen wurde: »Kulturbolschewismus«, »jüdischer Intellektualismus« und »Zivilisationsliteratur« waren die Angriffspunkte. Die Fortsetzung der »deutschen Revolution«, die Konsolidierung des nationalsozialistischen Regimes auf geistigem Gebiet sollte den »neuen deutschen Geist« von allen liberalen, marxistischen, pazifistischen und demokratischen – im nationalsozialistischen Jargon als »jüdisch« apostrophierten – Zersetzungserscheinungen bereinigen.
Der zehnte Mai stellt damit aber nicht den bloßen Rückfall in die Barbarei, denn Abbruch von Geist, von Kultur und Bildung dar, sondern deren Übergang in den antisemitischen Wahn – den Übergang des Geistes in den, wie es in einer der wenigen öffentlichen Erwiderung hieß, »deutschen Ungeist«. Er wurde erst 12 Jahre später gestoppt, mit der Befreiung der Konzentrationslager und schließlich dem Sieg der Alliierten und der Kapitulation Deutschlands am 8. Mai.