Aus gegebenem Anlass...

Im Jahr 2014 besteht die Goethe-Universität seit 100 Jahren. Die Universitätsleitung nimmt dies zum Anlass einer großen Feier mit begleitendem Programm. Nach dem bisherigen Umgang der Universität mit ihrer Vergangenheit ist zu erwarten, dass die zuweilen euphemistisch als »dunkle Seite der Geschichte« bezeichnete Vergangenheit der Universität kaum zur Sprache kommen wird, mussten doch bis jetzt alle Gedenkorte und -tafeln gegen den vehementen Widerstand der Universitätsleitung durchgesetzt werden. Da der Anlass dazu genutzt werden soll, die Goethe-Universität als Bildungsstandort zu bewerben, die eigene Position im Wettbewerb zu stärken und die positive Identifikation der Studierenden und Mitarbeiter_innen mit »ihrer« Universität zu festigen, ist mit einem Umgang mit der eigenen Geschichte, der darüber hinausginge, die NS-Verwicklungen der Universität durch ein »das gab es auch noch« abzuhaken, nicht zu rechnen.

Zwar wird es eine Ausstellung geben unter dem Titel »verlorene Denker«, die sich dem Schicksal jüdischer Professor_innen widmen soll, aber wie sich das zum restlichen Programm verhält, wird durch die Broschüre zu 100 Jahren Goethe-Universität deutlich. »Was hat diese Universität in ihren vergleichsweise kurzen 100 Jahren Geschichte nicht alles erlebt und überlebt: Gründung in privater Trägerschaft am Vorabend des 1. Weltkrieges, Vernichtung großer Teile des Stiftungsvermögens, Rettung in städtische Trägerschaft, erste wissenschaftliche Blüte in der Weimarer Republik, Vertreibung der jüdischen Denker im Nationalsozialismus, das Wunder der Wiedereröffnung nach dem nahezu totalen Zusammenbruch, Rückkehr vieler vertriebener Größen aus dem Exil, Vordenkeruni der 68er-Emanzipation (›Frankfurter Schule‹), Trägerschaft des Landes, Umwandlung in eine Stiftungsuniversität. Die Entwicklung der Goethe-Universität ähnelt einer Fieberkurve mit heftigen Ausschlägen nach oben und unten. Nur eines verlässt sie nicht: eine offenbar unzerstörbare Lebensenergie, die sich jedes Mal aufs Neue entfacht durch die innere Spannung und Reibung ihrer unterschiedlichsten Geister und Kulturen.«

Eine belebte Geschichte also! Mit Höhen und Tiefen. Aber eine »unzerstörbare Lebensenergie«. Was man sich dabei fragen muss, ist allerdings, was da überlebt hat – oder wer. Vor allem in Bezug auf die NS-Geschichte der Universität bedient die Rede von der »unzerstörbare Lebensenergie« ein beliebtes Verdrängungsmuster. Zwar wird die Verwicklung der Institution in die NS-Gesellschaft nicht bestritten, aber das waren dann dunkle Zeiten, die die Institution erlebt hat. Es wird damit so getan, als ob die Universität nicht selbst aktiver Teil dieser Zeit gewesen wäre. Die Universität wird zum passiven Objekt, dass »so einiges erlebt« hat. Dem entsprechend wird die Beteiligung der Universität, ihrer Studierenden und Angestellten am NS-Apparat kaum thematisiert. Die NS-Geschichte der Goethe-Universität scheint sich auf die Vertreibung jüdischer Wissenschaftler_innen zu beschränken, ansonsten passierte anscheinend an der Universität nichts mehr. Worin soll denn diese »Lebensenergie« der Universität bestehen? Dass sie auch im Nationalsozialismus nicht die Tore schloss, sondern sich gut integrierte? Oder ist die Universität mit der Vertreibung der jüdischen Wissenschaftler_innen in einen Dornröschenschlaf gefallen, der erst nach 1945 endete, erst zu diesem Zeitpunkt die »Lebensenergie« also »aufs neue entfacht« wurde?

Zudem ist zu kritisieren, wie umstandslos die NS-Vergangenheit eingefügt wird, in das, was eben sonst noch so passiert ist. Die Konstruktion einer Tradition, die dazu dient, die Goethe-Universität zu bewerben, lässt sich nicht anders durchführen, als die Einbindung der Universität in den NS-Apparat zu einem Ereignis unter vielen einer »belebten« Geschichte zurechtzubiegen oder sie gleich ganz zu verdrängen. Die vom Selbstverständnis abweichenden Momente der eigenen Geschichte werden ausgeschlossen, wo sie sich gar nicht zur Werbung eignen wollen. Zäsuren wie das Rektorat Max Horkheimers nach 1945 kommen in der Jubiläumslogik folglich auch nicht vor. Gerade Horkheimers Rektorat hatte nichts mit einem »wiederentfachen« »der unzerstörbaren Lebensenergie« der Goethe-Universität zu tun. Horkheimer wollte nicht einfach eine deutsche Universitätstradition fortschreiben, die sich nicht trennen lässt von dem, was unterm Nationalsozialismus aus ihr wurde, sondern einen Bruch mit dieser Tradition vollziehen. Das wird durch Marketinglogik und universitäre Geschichtsschreibung gar nicht erst erwähnt. Vielmehr wird auch Horkheimer in den Zusammenhang der Universitätstradition gezwängt, in der seine Erwähnung reines Namedropping ist; er wird zum Alleinstellungsmerkmal und Werbeclown erniedrigt.

Besonders abstrus wird die Konstruktion von Tradition, wenn Goethes Name und die »damit verbundenen Werte« zum einheitsstiftenden Moment der Geschichte der Goethe-Universität werden: »Zu Goethes 100. Todestag, 1932, verlieh ihr die Stadt Frankfurt den Namen ihres berühmtesten Sohnes. Seitdem bekennt sich die Universität in besonderer Weise zu den Werten, für die Goethe und sein Werk stehen: Offenheit, Liberalität, Interdisziplinarität.«

Wenn nicht auffällt, dass nach 1932 das Jahr 1933 kam, was soll dann eigentlich noch Kritik?

Es stellt sich also die Frage: Wie damit umgehen? Sollte man den offenkundig völlig unangemessenen Umgang der Universität mit ihrer Geschichte skandalisieren? Ist das Marketing der Goethe-Universität einfach nur einer inkompetenten PR-Abteilung geschuldet oder tatsächlich einer Verdrängungshaltung, wie sie in jüngerer Zeit so selbst bei staatlichen Behörden immer seltener praktiziert wurde? So ließen Institutionen wie das Auswärtig Amt ihre NS-Vergangenheit durch »Historikerkommissionen« »aufarbeiten«, freilich erst, nachdem sämtliche Personen, die rechtlich für ihre Verbrechen hätten belangt werden können, nicht mehr Teil dieser Institutionen und größtenteils verstorben waren. Wenn die PR-Verlautbarungen der Universität einfach nur Ausdruck eines ununterbietbar schlechten Marketings sind, was nützt dann Kritik? Geht es darum, der PR-Abteilung der Universität beizubringen, was ein angemessenerer Umgang mit der Universitätsgeschichte wäre, so dass sie ihre Werbeveranstaltungen und Broschüren in Zukunft nicht so gestalten, dass einem die Geschichtsblindheit permanent unter die Nase gerieben wird?

Keine Option kann es jedenfalls sein, zu fordern in die Feierlichkeiten als »kritische Stimme« eingebunden zu werden. Die Integration in diese Veranstaltung würde bedeuten, selbst den Umgang der Universität mit der eigenen Geschichte zu reproduzieren, indem man während der Feiern zum Jubiläum eben auch die »dunkle Vergangenheit« anspricht, als Teil einer belebten Universitätsgeschichte. Ziel einer kritischen Haltung zu den Jubiläumsfeierlichkeiten kann es auch nicht sein, Forderungen zu stellen, die dann von der Universitätsleitung bitte erfüllt werden sollen. Ziel kann es nur sein, die Idiotie universitärer Vergangenheitsbewältigung publik zu machen und zu hoffen, dass die Studierenden und Mitarbeiter_innen der Universität dem nicht gleichgültig gegenüberstehen.

 

...Texte aus 15 Jahren Auseinandersetzung um die Goethe-Universität und den IG-Farben-Campus

Der Umzug der Frankfurter Goethe-Universität vom Campus Bockenheim auf den IG Farben Campus war von Anfang an von geschichtspolitischen Auseinandersetzungen begleitet. Dass sich auf dem neuen Campus heute Zeugnisse der Geschichte des Ortes finden, ist nicht etwa durch die Universität, sondern gegen sie durchgesetzt worden. Studierende, Überlebende des Konzentrationslagers Auschwitz III Monowitz und das Fritz Bauer Institut setzten sich dafür ein, dass dieser Ort gerade nicht von seiner nationalsozialistischen Geschichte reingewaschen wird, wie der ehemalige Uni-Präsident Meißner es verlangte. Vielmehr versuchten sie einen Umgang der Universität mit dem Ort einzufordern und zu erzwingen, der wenigstens in Ansätzen mit »Aufarbeitung der Vergangenheit« beschrieben werden kann; oftmals erfolglos. Bis heute ist der Grüneburgplatz nicht in Norbert-Wollheim-Platz umbenannt worden, wie es Überlebende forderten. Ebensowenig kam die Universität der Forderung nach, die Gedenkplatte vor dem IG-Farben-Haus stehend statt liegend anzubringen, um ihr die ihr angemessene Aufmerksamkeit zu ermöglichen. Aber immerhin, so muss man sagen: es gibt eine Gedenkplatte, die auf die Verbrechen der IG Farben hinweist und den zehntausenden ermordeten Zwangsarbeitern gedenkt; ebenso gibt es eine Dauerausstellung im IG Farben Haus, die die Geschichte des Hauses dokumentiert; und schließlich gibt es mit dem Norbert-Wollheim-Memorial ein Gedenk- und Dokumentationszentrum, das mit umfangreichen Überlebendenberichten auf die Geschichte der IG Farben hinweist.

Die vorliegende diskus-Ausgabe dokumentiert eine Auswahl von Texten aus 15 Jahren geschichtspolitischer Auseinandersetzung um die Frankfurter Goethe-Universität und den IG-Farben-Campus. Sie wurden von in der Initiative Studierender am IG Farben Campus assoziierten Personen und Freund_innen verfasst und stellen Momentaufnahmen einer Debatte dar, die immer noch von erschreckender Aktualität ist; auch oder gerade weil die Universität im Jahr 2014 selbstgerecht ihr 100. Jubiläum feiert. Die Texte drehen sich in unterschiedlichem Maße alle um die Frage, was Studieren nach Auschwitz heißen kann; nicht zuletzt an einem Ort wie dem IG-Farben-Campus.

Dabei geht es in den Texten unter anderem um die Architektur des IG-Farben-Hauses und wie mit diesem umgegangen werden sollte, aber auch um die Neubauten, die sich ekelhaft geschichtsvergessen an die älteren Gebäude anschmiegen, um die Geschichte der Interessen-Gemeinschaft Farbenindustrie AG und ihres Konzentrationslagers Monowitz, um den unsäglichen Umgang der jeweiligen Uni-Präsidenten mit dem neuen Campus , um das Engagement Frankfurter Studierender bei den Bücherverbrennungen 1933 und um die Novemberpogrome von 1938.

Die Texte stammen aus unterschiedlichen Zeiten und sind von verschiedenen Autor_innen geschrieben worden. Alle diese Texte klären über die Geschichte des IG-Farben-Campus auf und unterstreichen die Bedeutung der geführten Debatten. In den meisten Texten finden sich deshalb auch historische Abrisse, die sich in gewisser Weise wiederholen. Wir haben uns trotzdem dagegen entschieden, diese zu kürzen, auch um zu zeigen, wie oft so mancher Beweis geführt und mancher Hinweis gegeben wurde und doch weitgehend unbemerkt blieb. Die älteren Texte wurden nicht in die neue Rechtschreibung überführt, noch wurden die Texte insgesamt einheitlich gegendert. Wir haben uns dagegen entschieden die Artikel durch Bilder zu illustrieren, insofern es nicht inhaltlich geboten schien. So findet sich nur in zwei Texten Bildmaterial, da dies auch in der Ersterscheinung wesentlich war.

Dieses Heft beginnt mit zwei überblickshaften Texten, die in den letzten Jahren entstanden sind und wesentliche Argumente zusammenfassen. Danach werden in chronologischer Reihenfolge Texte aus 15 Jahren geschichtspolitischer Auseinandersetzung mit der Frankfurter Universität und ihrem IG-Farben-Campus dokumentiert.

Diese diskus-Ausgabe entstand durch die Zusammenarbeit der diskus-Redaktion mit der Initiative Studierender am IG Farben Campus. Letztere ist ein loser, institutionell nicht näher gebundener Zusammenschluss und Diskussionszusammenhang Studierender der Goethe-Universität Frankfurt. In stark wechselnder personeller Zusammensetzung und mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten existiert diese Initiative seit dem Beginn des Umzugs der Goethe-Universität auf den sogenannten Campus Westend. Die von der Initiative geführte Bezeichnung »IG-Farben-Campus« unterscheidet sich dabei bewusst von der offiziellen Namensgebung, um zu unterstreichen, dass die Geschichte der IG Farben, ihre Rolle im Nationalsozialismus und Beteiligung an Krieg, Zwangsarbeit und dem deutschen Massenmord nicht aufhört, uns vor Probleme zu stellen. Die Initiative Studierender am IG Farben Campus versteht sich als Versuch, den – expliziten und impliziten – erinnerungspolitischen Diskurs der Goethe-Universität zu kritisieren und die bewusste Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus und der Shoah nicht nur im Rahmen einer Gedenkkultur zu führen, sondern auch auf die Institution Universität als ganze zu beziehen. Sie sieht sich dem kategorischen Imperativ verpflichtet, wie er von Theodor W. Adorno formuliert wurde: »Hitler hat den Menschen im Stande ihrer Unfreiheit einen neuen kategorischen Imperativ aufgezwungen: ihr Denken und Handeln so einzurichten, daß Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe.«

Wir bedanken uns bei den Autor_innen der Texte, der diskus-Redaktion und allen, die dieses Heft ermöglicht haben.

 

Initiative Studierender am IG Farben Campus, Dezember 2013

 

Kontakt: ini_igfarben [at] yahoogroups.de

http://initiativestudierenderamigfarbencampus.wordpress.com/

 

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