Seit einiger Zeit zieht sich nun die Diskussion um eine mögliche Entschädigung von NS-ZwangsarbeiterInnen und Verfolgten hin. Mit dem Hinweis auf die fehlende Rechtssicherheit inszenieren die Unternehmen bisweilen groteske Szenarien der Verfolgung. Vor Monaten verwies ein Vorstandsmitglied der Degussa-Hüls bereits darauf, dass sich die verklagten Unternehmen in den USA in einer Erpressungssituation befänden. Auf zynische Weise wandeln sich diejenigen zu Opfern, die von der Zwangsarbeit der Kläger profitierten. Dies erinnert gewaltig an die Entschädigungsdebatte der 50er Jahre, in denen kein antisemitisches Argument ausgelassen wurde, um den eigenen Opferstatus zu betonen.

Inzwischen versuchen einzelne Unternehmen (z.B. VW, Allianz), gegen die Entschädigungsansprüche formuliert wurden, mit außergerichtlichen Zahlungsangeboten ihre Unternehmensgeschichte zu entsorgen. Anfang November haben sich 50 weitere Firmen bereitgefunden, unter bestimmten Bedingungen in einen Entschädigungsfonds einzuzahlen. Ihr Verhandlungsführer Lambsdorff spricht davon, dass man die Ansprüche schließlich nicht überziehen dürfe, denn jede freiwillige Zahlung sei für sich genommen bereits eine »humanitäre Leistung«.

Doch die Geschichte der I.G. Farben ist eine spezielle. So wurde beispielsweise auf der letzten Aktionärsversammlung der I.G. Farben in Abwicklung (i.A.) eine Stiftung mit einem Stammkapital von 3 Millionen Mark beschlossen. Nicht nur dass es sich dabei um einen lächerlichen Betrag handelt »bei dem für jeden eine Briefmarke herausspringen würde« (H.F.). Die Frage nach der tatsächlichen und schnellen Liquidation scheinen damit - wieder einmal - bis auf weiteres beantwortet. Dieser Eindruck verstärkt sich, wenn man sich die Praxis der Liquidatoren in Bezug auf vermeintliche Ansprüche an die UBS Bank in der Schweiz anschaut. Mit Unterstützung der Überlebenden soll das Firmenvermögen um knapp 5 Milliarden DM vergrößert werden. Wie lange dieses Verfahren wiederum dauern kann, abgesehen von dem Zynismus der Instrumentalisierung der ehemaligen Zwangsarbeiter, kann aus der Erfahrung mit diesem Unternehmen abgelesen werden. Der Beginn der Auflösung, die durch die Alliierten beschlossen wurde, ist nun über 50 Jahre her.

Die besondere Geschichte der I.G. Farben macht die Diskussionen jenseits der Entschädigungsfrage zu einem Sonderfall. Der Bau eines Konzentrationslagers in der Nähe des Stammlagers Auschwitz (Buna-Monowitz) eigens durch den Chemiekonzern initiiert, bindet die Frage der Entschädigung noch einmal wesentlich an die Kontroverse nach der Verantwortung von Unternehmen, die sich nicht lediglich als Profiteure des NS-Regimes, sondern als deren Mitbetreiber erwiesen.

Hans Frankenthal hat mit seinem Bruder in Monowitz Zwangsarbeit für die I.G. Farben leisten müssen. Seit 1990 gehört er den Kritischen Aktionären der I.G. Farben i.A. an und kämpft seitdem für die Auflösung des Konzerns.

 

diskus: In der letzten Woche sind in den USA die Sammelklagen von Überlebenden gegen deutsche Unternehmen abgewiesen worden. Denken Sie, dass sich diese Entscheidung auf die Debatte um Entschädigung in Deutschland auswirken wird?

Hans Frankenthal: Ich war mir darüber im klaren, dass die Sammelklagen in den USA abgewiesen werden würden. Die Abweisung der Klagen verändert aber meiner Ansicht nach nicht die Perspektive auf die Debatten um Entschädigung in Deutschland. Das nächste Treffen bezüglich des Fonds, an dem sich 16 deutsche Unternehmen beteiligen - ich habe übrigens immer geglaubt es wäre ein Druckfehler, denn hinter die 16 gehören mindestens noch 6 Nullen, dann würde die Zahl der Unternehmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben, stimmen - wird in der nächsten Woche stattfinden. Ich denke, dann werden schnell Vereinbarungen getroffen werden. Der Generalsekretär des World Jewish Congress (WJC), Singer, macht jetzt natürlich Druck. Das letzte, was er bei seinem Besuch in Deutschland ankündigte, war, dass er die Frage der Sklavenarbeit von der der jüdischen Zwangsarbeiter abkoppeln wolle. Dann verhandele er nurmehr über Juden. Damit bin ich nicht ganz einverstanden, auch wenn ich seine Reaktion verstehen kann. Ich habe durch Lothar Evers in die Diskussion hereintragen lassen, dass sich die Bundesregierung nicht aus der Verantwortung stehlen kann, denn, das darf man nicht vergessen, 50% der Zwangsarbeiter haben in staatlichen Firmen gearbeitet. Die Hermann Göring Werke oder die Raketenproduktion in Dora-Mittelbau waren staatliche Betriebe. Deshalb ist die deutsche Regierung eigentlich verpflichtet genauso viel in den Pott reinzuzahlen, wie die Unternehmen auch.

Die bisherigen Leistungen, die die Regierung bereits gezahlt hat, galten nur den Juden, die im Westen gelebt haben. Die Menschen aus den osteuropäischen Ländern haben nichts davon bekommen. Die Regierungen aus Polen, Tschechien usw. haben sich strategisch falsch verhalten. Nach den zwei plus vier Verträgen habe ich darauf gedrungen, die Ansprüche rechtzeitig anzumelden. Die Regierungen haben sich jedoch mit geringen Pauschalbeträgen abfinden lassen. In Polen ist nahezu nichts bei den ehemaligen Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen gelandet. Die deutsche Bundesregierung hat erst kürzlich eine Liste der Zahlungen, die sie geleistet hat, veröffentlicht. Diese sind im Vergleich zu den Plünderungen und der Ausnutzung der Arbeitskraft von Millionen lächerlich gering. Inzwischen werden glücklicherweise von Seiten verschiedener Finanzämter Archive geöffnet, die offen legen, wie viel beispielsweise an »Reichsfluchtsteuer« gezahlt werden musste, oder wie hoch die sogenannte »Judenbuße« nach der Reichspogromnacht für viele Menschen war. Dafür muss sowohl in der Bevölkerung als auch in der Bundesregierung eine Sensibilität geschaffen werden. Noch immer existiert die Opferhaltung: Was »uns« die Juden nach dem Krieg alles abgenommen haben.

 

diskus: Ist es nicht ein Problem, dass durch die Ablehnung der Sammelklagen die Entschädigung auf eine moralische Frage reduziert wird?

H.F.: Es ist nicht anders möglich. Die Frage nach Entschädigung ist eine moralische Frage. Trotzdem ist es wichtig, sich mit Klagen gegen die Weigerung von Zahlungen zu wehren. Letztlich wird sich das jedoch nur moralisch klären lassen. Wir sind bisher politisch immer verkehrt vertreten worden. Hombach war nicht gut für unsere Anliegen und auch Lambsdorff als Mitglied der FDP hat schon immer das Kapital vertreten.

 

diskus: Hat die Diskussion um die Sammelklagen Auswirkungen auf die Debatte um die Entschädigung der Zwangsarbeiter? Worin ist die Besonderheit der Geschichte der I.G. Farben nach 1945 begründet?

H.F.: Mit den Sammelklagen hat die Geschichte der I.G. Farben nichts zu tun. Sie hat immer eine Sonderstellung eingenommen. Nach der Klage von Norbert Wollheim sind Zahlungen eingegangen, die nicht von allen Anspruchsberechtigten beantragt worden sind. Die restlichen Gelder, ca. 3 Millionen, sind zur I.G. Farben i.A. zurückgeflossen. Ursprünglich sollte die Liquidation nach der Teilung des Kartells durch die vier Alliierten binnen weniger Jahre geschehen sein. Mit der Bundesregierung wurde jedoch zu Zeiten des Kalten Krieges vereinbart, dass, solange die Vermögen aus der DDR nicht eingezogen werden können - die I.G. Farben in Abwicklung führte das Vermögen in der DDR symbolisch mit einer Mark in ihrem Haushalt - eine Abwicklung nicht möglich sei. Im Jahre 1990, als ich erstmals auf einer Sitzung der Aktionäre teilnahm, hieß es, man werde das Vermögen in der ehemaligen DDR einklagen und davon 5-8% in eine Stiftung einzahlen. Vor einiger Zeit wurde beim Verfassungsgericht in Karlsruhe entschieden, dass die I.G. Farben i.A. voraussichtlich gar keine Ansprüche auf dieses Vermögen hat.

1994 kaufte sich die Aktiengesellschaft in eine Häusergesellschaft in Mönchengladbach ein. Diese ist nun eine Schwesterfirma der I.G. Farben i.A. Die Häuser sind nichts wert, daher konnte Pollehn im letzten und in diesem Jahr zurecht davon sprechen, dass I.G. Farben i.A. vor dem Konkurs steht.

 

diskus: Wer besitzt denn eigentlich Aktien von I.G. Farben in Abwicklung?

H.F.: Als ich 1990 das erste mal in den Frankfurter Hof zu einer Aktionärsversammlung ging, wurde mir klar, dass es sich hier wesentlich um Personen oder deren nachgeborene Verwandte handelt, die früher Prämienaktien erhalten haben. Der Hauptteil der Aktionäre war bei I.G. Farben beschäftigt. Inzwischen sind die meisten Aktien der Kleinaktionäre verkauft worden. Sie haben ihre Aktien eingetauscht gegen die jener Häusergesellschaft. Es gibt einen Großaktionär im Norden der neuen Bundesländer, dessen Namen wir jedoch noch nicht herausgefunden haben. Mein eigenes Motiv für den Kauf von Aktien kam zu dem Zeitpunkt zustande, als es hieß, sie wollten die Vermögen aus der DDR zurückholen. An dieser Stelle wollte ich mich einmischen.

Vor drei Jahren stiegen die Preise für die Aktien in die Höhe, nachdem Leute aus England große Mengen der Aktien kauften. Ich dachte, es könnten Menschen sein, die in dem benachbarten Lager für englische Kriegsgefangene inhaftiert worden waren, doch ich musste nach Recherchen feststellen, dass es sich um zwei Großbanken in England handelte, die Schwesterunternehmen der Dresdener und der Commerzbank sind. Sie wollten mit ihrer Investition ein großes Geschäft machen, denn das Vermögen wäre beträchtlich gestiegen, wenn die Grundstücke in der DDR hinzugekommen wären.

 

diskus: Kann in den letzten Jahren, mit Blick auf die Stiftungsgründung, von einer veränderten Firmenpolitik gesprochen werden?

H.F.: Meiner Ansicht nach handelt es sich um alten Wein in neuen Schläuchen. Diese Angebote sind Beruhigungsmittel. In diesem Jahr stellt sich der momentane Liquidator Pollehn hin und sagt, »diese 3 Millionen werden als Einlage in die Stiftung eingehen. Von den Zinsen (300000,- DM) sollen die Zwangsarbeiter entschädigt werden.« Es sind nach eigenen Angaben 450000 Klagen anhängig. Dies ist keine ernstzunehmende Vorstellung von Entschädigung, da bleibt doch am Ende für jeden eine Briefmarke.

 

diskus: Seit einigen Monaten kursiert wieder das Gerücht, von der Schweizer Bank UBS stünden noch Zahlungen an I.G. Farben i.A. aus? Damit rückt eine endgültige Abwicklung abermals in weite Ferne.

H.F.: Vor drei Jahren bekam ich ein Papier zugesteckt, in dem Informationen über die Kooperation zwischen der UBS Bank und I.G. Farben zu lesen waren. Nach meiner Kenntnis hat sich I.G. Farben selbst mit 5 Milliarden Reichsmark 1944 in die UBS Bank eingekauft und ist damit Teilhaberin geworden. Von diesen 5 Milliarden sind jetzt lediglich 4,7 Milliarden übriggeblieben. Die I.G. Farben i.A. hat sich in den letzten Wochen an einige der Überlebenden direkt gewandt und um ihre Mithilfe gebeten, das Geld aus der Schweiz für die Aktiengesellschaft herauszuholen. Mit meinem Brief an alle 95 des Treffens in Frankfurt habe ich dringend darum gebeten, von einer solchen Kooperation die Finger weg zu lassen, denn wir wollen denen nun wirklich nicht helfen an unser Geld zu kommen. Außerdem sind die Bestrebungen, an das Geld in der Schweiz zu kommen, ein weiterer Versuch der I.G. Farben i.A., die endgültige Liquidation und die Entschädigung der Opfer in weite Ferne zu rücken. Wir dürfen uns nicht auf deren Bedingungen einlassen, denn sie setzen auf die biologische Lösung, die durch langwierige Verfahren dazu führt, dass sie immer weniger Menschen Entschädigung zahlen müssen. Es geht nicht um das Geld, die meisten von uns können einigermaßen leben. Es geht um die Pflicht, die aus der Geschichte resultiert. Wir müssen mit aller uns zur Verfügung stehenden Macht versuchen, dass dieses Vermögen nicht in die Hände der I.G. Farben fällt, denn dann sind sie wieder ein reicher Verein.

Darüber hinaus habe ich den Generalsekretär des WJC Singer aufgefordert, dieses Geld für den Fonds der Zwangsarbeiter einzuklagen, mit der Bitte, mit einem Teil dieses Geldes die Stiftung Auschwitz zu erhalten. Dies erscheint mir in der augenblicklichen politischen Situation auch realisierbar, selbst wenn vor Jahren dazu bereits ein Gerichtsurteil ergangen ist, in dem der Anspruch auf das Geld für I.G. Farben i.A. abgewiesen wurde.

 

diskus: Wie bewerten sie die Anfrage der I.G. Farben i.A. nach einer Kooperation mit den Überlebenden, um an das Geld in der Schweiz zu kommen? Wird damit nicht schon wieder mit antisemitischen Stereotypen Politik gemacht?

H.F.: Darin stimme ich ihnen voll und ganz zu. 1991 bei der zweiten Aktionärsversammlung in Frankfurt erging von Seiten der Aktionäre die Aufforderung, sich mit den Juden gut Freund zu halten, da diese wüssten, wie man an Geld kommt. Während den Versammlungen wurden und werden jedoch noch viel direkter Anschuldigungen an uns laut. »Wir würden ja nicht mehr leben, wenn I.G. Farben uns nicht als Arbeitskräfte angeworben hätte.« Selbst das alte Argument, dass die Buna-Suppe uns ja ein vergleichsweise gutes Leben ermöglicht hätte, mussten wir uns an den Kopf werfen lassen. Wenn ich mich in den Aktionärsversammlungen zu Wort melde, um auf diesen Antisemitismus hinzuweisen, ist es mir schon zwei Mal passiert, dass mir das Mikrophon abgestellt wurde, aber meine Stimme ist laut genug, so dass ich dann noch weiter reden kann. Es kamen auch schon Saalordner, die mich rausschmeißen wollten. Als ich das erste Mal auf einer Aktionärsversammlung aufgetreten bin, habe ich kurz meine Biographie geschildert, damit die Aktionäre wissen, wer ich überhaupt bin. Da kamen sofort Zwischenrufe, »Aufhören«, »Kennen wir alles«, »Alles dummes Zeug«, »Ihr seid doch entschädigt worden, was wollen sie eigentlich hier«, »Halten sie doch Ihren Mund«. Bei mir hat sich im Laufe der Jahre zwangsläufig eine Elefantenhaut gebildet. Ich bleibe auf dem Podium stehen und trage vor, was ich zu sagen habe.

 

diskus: Sie schreiben in Ihrem Buch , sie hätten erst in den 80er Jahren das Schweigen gebrochen. Sie haben jedoch schon vorher politisch in dem Land gekämpft, von dem ihre Verfolgung ausging. Wie erklärt sich ihr politisches Engagement in Deutschland? Welche Inhalte im Kampf gegen I.G. Farben i.A. würden sie stark machen?

H.F.: Direkt nach 1945 bin ich in die Kommunistische Partei eingetreten, weil die Kommunisten uns aus den Lagern befreit hatten. Als die Partei jedoch antizionistisch wurde, mussten wir konsequenterweise rausgehen. Anschließend sind auch viele Juden aus der VVN ausgetreten.

In die Debatte um Entschädigung mische ich mich schon seit den frühen 80er Jahren - besonders gegen I.G. Farben - ein. Seitdem habe ich auch gegen die Firma Lahrmann geklagt, bei der ich Zwangsarbeit leisten musste. Ich betone in den Auseinandersetzungen oft, wie viele chemische Betriebe von Seiten der I.G. Farben »arisiert« worden sind. Darüber ist nie gesprochen worden. So ist beispielsweise der Erfinder von Aspirin ein Jude gewesen. Er ist im Konzentrationslager in Sachsenhausen ermordet worden. Das Patent wurde einem Herrn Hofer zugesprochen und Bayer verdient an diesem Medikament seit über 50 Jahren Millionen.

Die für mich wichtigste historische Auseinandersetzung ist, die Kooperation der I.G. Farben Funktionäre mit der SS deutlich zu machen. Auf einer Veranstaltung in Pittsburgh, dort steht seit 1951 ein Werk der Bayer AG, haben wir kürzlich deutlich gemacht, dass die I.G. Farben der SS Menschen für Versuche regelrecht abgekauft hat. Die meisten Direktoren der I.G. Farben waren hochrangige SS-Offiziere und saßen in Berlin im Reichssicherheitshauptamt. Der Beginn der »Entjudung« des Reichsgebietes und die Fabrikaktion liefen zeitlich parallel. Am 27.Februar 1943 wurden wir benachrichtigt. Die Leute wurden aus den Rüstungsbetrieben rausgeholt. In den Tagen zuvor ergingen Briefe von der I.G. an das Reichssicherheitshauptamt, in denen auf die Notwendigkeit hingewiesen wurde, die als reichsdeutsche Juden bezeichneten Personen für den Arbeitseinsatz auszuselektieren. Bei den Transporten wurden im Vergleich zu den sonstigen Selektionen ungewöhnlich viele junge Arbeitskräfte zum Einsatz eingeteilt. Wir sind von der Rampe direkt nach Buna gebracht worden. Sie waren immer über die Deportationen im Bilde, denn sie saßen in den höchsten Stellen der SS. Heute richtet sich diese Tatsache als Argument gegen die ehemaligen Häftlinge, wir könnten froh sein, denn auf diese Weise hätten wir unser Leben retten können. Gegen diese Art der Geschichtsverfälschung werde ich mich immer einsetzen.

 

diskus: Wie sehen jetzt die politischen Strategien des Auschwitz Komitees und der Kritischen Aktionäre nach dem Beschluss der Stiftungsgründung durch die I.G. Farben i.A. aus?

H.F.: Der Beschluss zur Gründung einer Stiftung mit drei Millionen Mark Vermögen, ist eine Farce. Die I.G. Farben i.A. haben sich damit bis auf die Knochen blamiert. Welche Bank gibt heute noch 10% Zinsen? Die I.G. Farben haben 1957 einmalig denjenigen, die unter sechs Monaten Zwangsarbeit geleistet haben 2500.- DM und denjenigen, die über sechs Monate Zwangsarbeit geleistet haben 5000.- DM ausgezahlt. Die Strategie von Pollehn ist, dass nur noch diejenigen etwas bekommen sollen, die noch nie Zahlungen erhalten haben. Aber uns geht es mit unseren Forderungen vor allem um eine Stiftung zum Erhalt von Auschwitz. Da muss dringend etwas getan werden. Es gibt eine Stiftung die nach dem jüdischen Unternehmen Laurer benannt ist, die eine Schätzung gemacht haben. 35 Millionen Dollar braucht man um Auschwitz zu restaurieren, damit es nicht verfällt. Das ist eines unserer wichtigsten Interessen, Auschwitz zu erhalten.

Außerdem wollen wir eine Tafel in dem Dorf Monowitz errichten, an der die Umrisse des Lagers nachgestellt werden, um die kaum mehr erkennbaren Reste des Lagers in Erinnerung zu halten. Auch die Menschen sollen entschädigt werden, deren Dorf Monowitz zum Zwecke der Errichtung des firmeneigenen KZ dem Erdboden gleich gemacht wurde. Einige sind zurückgekehrt und leben teilweise noch in den Baracken, die für uns damals errichtet wurden.

Für uns sind die Aktionen gegen die I.G. Farben in Abwicklung auch mit der Gründung dieser Stiftung nicht beendet. Wir werden weiter um unsere Interessen kämpfen.

 

Das Gespräch mit Hans Frankenthal führten Christian Kolbe und Tanja-Maria Müller am 23. September 1999. Hans Frankenthal verstarb am 22. Dezember 1999.

 

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